Netzwerke
Für meine Dissertation über die Kulturpolitik in Thüringen führte ich unter anderem eine quantitative Netzwerkanalyse durch. Dieser methodische Ansatz hilft zu verstehen, welche Akteure sich dem Politikfeld der Kulturpolitik zugehörig fühlen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und wie sie interagieren. Das methodische Vorgehen und die Ergebnisse können ausführlich in der Open Access-Veröffentlichung nachgelesen werden. Hier möchte ich nur ein paar Auszüge vorstellen.
Netzwerk im Raum
Die georeferenzierte Netzwerkkarte zeigt die räumliche Strukturierung des kulturpolitischen Netzwerks in Thüringen. Die Verbindungen entsprechen den Angaben aus dem Kooperationsnetzwerk. Die politische Macht wird konzentriert im mittelthüringischem Raum verortet. Fast alle Akteure, die als besonders einflussreich empfunden werden, haben in Erfurt und Weimar ihren Sitz. Auf den ersten 32 Rängen der gewichteten Indegree-Zentralität stehen 20 Akteure aus Erfurt und acht aus Weimar; nur vier außerhalb dieses Raums fügen sich ein: der ehrenamtlich arbeitende Bühnenverein mit Sitz in Sondershausen, die Kultusministerkonferenz in Berlin und Bonn sowie der Theaterverband und die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten in der ehemals bedeutsamen Residenzstadt Rudolstadt.
Neben der geografischen Konzentration der politischen Macht tritt zudem im mittelthüringischen Raum ein Netzwerkkern von 10 bis 15 Akteuren hervor, der übermäßig politischen Einfluss akkumuliert, wie andere Netzwerkdaten belegen. Insgesamt befördert die lokale Präsenz von Landesregierung und vorzugsweise konsultierten kulturpolitischen Akteuren ein wechselseitiges Aufmerksamkeitsnetz, in das weiter entfernt liegende Organisationen nur mit erheblichem Ressourcenaufwand eindringen können. Weiterhin stützt die Grafik den Befund, dass die territorialen Grenzen des Bundeslandes zugleich eine kognitive Hürde für landeskulturpolitische Diskurse symbolisieren. Außerhalb des Freistaats erreichen einzig in Berlin ansässige Organisationen erwähnenswerte Einflusswerte: Kultusministerkonferenz (62), Deutsche Orchestervereinigung (31), Deutscher Kulturrat (27) und Kulturstaatsministerin (25). Die auf den mitteldeutschen Raum wirkenden Akteure mit Sitz in Halle und Leipzig verschwinden im policy-Netzwerk nahezu in der Bedeutungslosigkeit, wobei dies ebenso für die Mehrzahl der insgesamt 259 Akteure gilt: Fast zwei Drittel erreichen maximal einen gewichteten Indegree von 5, nur jeder Achte übertrifft 30, was als Schwellwert für politische Macht angelegt werden kann.