Netzwerke für die nachhaltige Entwicklung an Hochschulen

Die transformative Kraft von Verbindungen

Diesem Artikel liegt die Annahme zugrunde, dass Hochschulen in Deutschland die entscheidenden Umsetzungsorte für die Große Transformation sind. Dies begründet sich darauf, dass Hochschulen erstens als Wissensspeicher und -generatoren eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genießen, zweitens die Kapazitäten besitzen, die ökologischen, sozialen, technischen und ökonomischen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung zu bearbeiten, und drittens eine Hebelwirkung ausüben bzw. eine Vorbildfunktion für gesellschaftliche Prozesse innehaben. Sie eignen sich als modellhafte Transformationsorte, da sie einerseits eine gut abgegrenzte und überschaubare räumliche und organisationale Struktur vorweisen und andererseits in dieser Struktur das generierte und erworbene Wissen in Synergie von Forschung, Lehre, Betrieb und Hochschul-Governance unmittelbar in die Praxis der Hochschule übertragen werden kann; kurzum: Transformative Ansätze können an Hochschulen erprobt, eingeübt und angepasst werden und letztlich auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ausstrahlen, die wiederum auf den Transformationsort Hochschule zurückwirken.

Das netzwerk n hat seit der Vereinsgründung im Jahr 2012 ein umfassendes Erfahrungs- und Systemwissen erworben, wo Hebelpunkte bestehen, um die nachhaltige Entwicklung hochschulübergreifend und innerhalb der heterogen strukturierten und gesteuerten Organisation Hochschule zu befördern und zu beschleunigen. Die Beziehungsebene zwischen Akteuren, womit sowohl individuelle als auch kollektive und korporative Akteure gemeint sind, trat dabei beständig als wesentliche Kategorie hervor, um Veränderungen an Hochschulen erklären und gestalten zu können.

Netzwerk, Vernetzung und Beziehung sind omnipräsente, aber häufig symbolisch verwendete Begriffe, wenn über die Transformation von Hochschulen in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung gesprochen wird. Wissenschaftliche Betrachtungen aus einer Netzwerkperspektive liegen bislang nicht vor. Mit diesem explorativen und praxisorientierten Artikel habe ich mir vorgenommen, in diese Lücke zu stoßen. Mein Ziel war es, die Vernetzung von Mitgliedern von Nachhaltigkeitsinitiativen an Hochschulen offenzulegen und die Einbettung dieser Gruppen in eine Netzwerkstruktur zu erkunden.

Rahmend habe ich die erhobenen Daten und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse mit dem Erfahrungswissen der Formate und Aktivitäten des netzwerk n kontextualisiert. Letztlich ist diese kleine Studie als Plädoyer zu lesen, die transformative Kraft der Beziehungsebene stärker in den Blick zu nehmen, um Transformationsprozesse an Hochschulen erklären und gestalten zu können.

Erkenntnisse

  • Gestaltungsanspruch und Wirkmächtigkeit
    Die Mitglieder der erhobenen Hochschulinitiativen haben einen hohen Gestaltungsanspruch, ergo möchten sie ihre Hochschule grundlegend im Sinne der nachhaltigen Entwicklung verändern. Allerdings besteht eine Diskrepanz zur Wahrnehmung der eigenen Wirkmächtigkeit, die die Befragten mehrheitlich als mittel bis gering einstufen.
  • Heterogenität
    Hochschulinitiativen agieren in einem heterogenen Umfeld von Statusgruppen, denen vielfältige Interaktionsorientierungen eingeschrieben sind.
  • Überblick über Netzwerk
    Kaum eine Initiative verfügt über einen erschöpfenden Überblick, welche Akteure an ihrer Hochschule relevant für Nachhaltigkeitsprozesse sind.
  • Engagierte prägen
    Im Handlungshorizont der Befragten dominieren als Engagierte eingeordnete Personen, erheblich geringer sind als Entscheider:innen wahrgenommene Personen präsent. Akteure, die beiden Kategorien zugeordnet werden, bilden lediglich eine kleine Gruppe.
  • Studierende suchen Studierende
    Studentisch geprägte Hochschulgruppen suchen vornehmlich Interkationen und Kooperationen mit anderen studentischen Akteuren, stimmen fast ausnahmslos sehr oder vollständig mit deren Zielen überein, pflegen mit diesen Akteuren einen vertrauensvollen Austausch und arbeiten vertrauensvoll mit ihnen zusammen.
  • Hochschulgruppen und Hochschulleitung
    Hochschulgruppen treten kaum oder nie in Kontakt mit der Hochschulleitung zugeordneten Akteuren.
  • Entscheidungsmacht
    Entscheidungsmacht verorten die Befragten sehr deutlich bei Akteuren der Hochschulleitung und im Vergleich mit allen Statusgruppen tendenziell am geringsten bei Vertreter:innen der Studierendenschaft. Dennoch: Subjektiv empfundene Entscheider:innen mit Einfluss auf Veränderungsprozesse werden in allen Statusgruppen gesehen.
  • Vertrauen
    Im Vergleich aller Statusgruppen vertrauen Hochschulinitiativen Akteuren der Hochschulleitung am wenigsten, was je nach Interpretation entweder auf grundsätzliche Ablehnung oder den fehlenden Austausch angesichts mangelnder Kontaktmöglichkeiten zurückzuführen ist.

Rahmendaten

  • Stichprobe
    114 Mitglieder von 18 Nachhaltigkeitsinitiativen aus neun Bundesländern und dem deutschsprachigen Ausland
  • Einbezogene Hochschultypen
    Universitäten, Technische Universitäten, Fachhochschulen und Privathochschulen
  • Erhebungszeitraum
    April bis August 2018
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