Netzwerke
Für meine Dissertation über die Kulturpolitik in Thüringen führte ich unter anderem eine quantitative Netzwerkanalyse durch. Dieser methodische Ansatz hilft zu verstehen, welche Akteure sich dem Politikfeld der Kulturpolitik zugehörig fühlen, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und wie sie interagieren. Das methodische Vorgehen und die Ergebnisse können ausführlich in der Open Access-Veröffentlichung nachgelesen werden. Hier möchte ich nur ein paar Auszüge vorstellen.
Netzwerk der Ziele
Akteure gehen Koalitionen ein, um ihre Ziele, Argumente und Ideen im politischen Prozess prominent zu platzieren und vertreten zu sehen. Während sich Landtagsfraktionen in einer formalisierten und vertraglich geregelten Koalition zusammenschließen, um eine parlamentarische Mehrheit für die Regierungsarbeit zu stabilisieren, können Koalitionen angelehnt an das Advocacy Coalition Framework allgemein als konkurrierende Beziehungsnetzwerke, in die sich Akteure mit kongruenten Werten und Überzeugungen begeben, verstanden werden. Die Dynamik und der Grad möglicher Veränderungen im Politikfeld hängen maßgeblich davon ab, ob widerstreitende Überzeugungen erstens existieren und ob sie zweitens im politischen Prozess wahrgenommen werden.
In meiner Forschungsarbeit zeige ich, dass in der Kulturpolitik die Grundsätze des Bewahrens und der Pflege des Tradierten prioritär sind. Die Analyse des Netzwerks der kulturpolitischen Ziele bietet eine Erklärung, warum das Zielgefüge des Politikfelds überaus stabil und beständig ist. Lediglich 5 % aller Relationen im Netzwerk beziehen sich auf keine oder eine schwache Übereinstimmung. Nur dort besteht das Potenzial für einen Wettstreit konkurrierender Ziele und konträrer Ansätze. Für den Rest gilt, dass sich die Akteure überwiegend wohl fühlen und kaum inhaltliche Konflikte sehen. Der Anteil an Kanten mit mittlerer Übereinstimmung beträgt 27 %, von hoch und sehr hoch übereinstimmenden Zielen 68 % – mehr als zwei Drittel aller bewerteten Relationen lassen also auf ein gemeinsames Überzeugungssystem schließen.
Abgesehen von der Mediengruppe kristallisiert sich das Bild eines konfliktarmen Netzwerks heraus, in dem gegensätzliche Positionen nur punktuell und zerstreut ausgeprägt sind – nur ungefähr ein Viertel der insgesamt 259 Akteure sind davon betroffen. Dass außerdem die kulturpolitischen Ziele der Staatskanzlei lediglich einmal und zudem von einem lokal wirkenden soziokulturellen Akteur abgelehnt werden, deutet auf eine mäßige Veränderungsdynamik im Politikfeld hin. Die Filterung der hohen und sehr hohen Übereinstimmung bestätigt, dass die überwältigende Mehrheit des policy-Netzwerks die Ziele des Exekutivorgans teilt und unterstützt. 73 % aller eingehenden Verbindungen der Staatskanzlei drücken eine hohe oder sehr hohe Akzeptanz aus. Eine Kausalität ist schwer nachzuweisen, dennoch erhärtet sich der Eindruck, dass die finanziellen Abhängigkeiten und die enge Verflechtung zwischen kulturpolitisch Handelnden und Exekutive die Konfliktbereitschaft mindert oder sogar neutralisiert.